Welpmann KONKRET - Vol. 2

Welpmann KONKRET - Vol. 2

Epilog: Bürgermeister für Brühl

 

Bei der Wahl des Brühler Bürgermeisters wurde Dieter Freytag (SPD) in der Stichwahl vom 27.09.2020 im Amt bestätigt. Ich gratuliere dem Wahlsieger und freue mich vor allem über starke Grüne im Rat und rot-grüne Perspektiven für die kommenden fünf Jahre.

Was meinen eigenen Wahlkampf um das Bürgermeisteramt und die Erfahrungen betrifft, die ich in dieser Zeit in Brühl machen konnte, habe ich Ende Oktober ein Gespräch mit der freien Journalistin Irmgard Schenk-Zittlau geführt, das ich nachfolgend veröffentliche.

Ich wünsche viel Spaß bei der Lektüre.

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Dr. Matthias Welpmann (51), Beigeordneter für Umwelt, Klima und Sport der Stadt Neuss, wollte bei der NRW-Kommunalwahl am 13. September in Brühl als Bürgermeister-Kandidat der Grünen zumindest die Stichwahl um das Amt des Bürgermeisters erreichen. Doch mit 17,4 Prozent der Stimmen erreichte er nur den dritten Platz. In der Stichwahl entschied Amtsinhaber Dieter Freytag, SPD, das Rennen für sich. Der Trend in Brühl geht dennoch in Richtung Grün. Im Vergleich zur Kommunalwahl 2014 legten die Grünen bei der Ratswahl um 10 Prozentpunkte auf fast 24 Prozent zu.

Mit Matthias Welpmann sprach Irmgard Schenk-Zittlau.

  • Matthias, du bist im März 2020 in Brühl als dort bis dahin unbekannte Persönlichkeit als Grüner Bürgermeister-Kandidat angetreten. Mit 17,4 Prozent wurdest du Dritter und warst aus dem Rennen. Gibt es den einen Grund dafür, dass du nicht in die Stichwahl gekommen und nicht Bürgermeister geworden bist?

Ich bin mit meinem Ergebnis durchaus zufrieden und ich freue mich vor allem auch über das sehr gute Grüne Wahlergebnis im Rat mit einem Zuwachs von mehr als zehn Prozentpunkten. Elf Frauen und Männer sind jetzt im Rat, vorher waren es nur sechs, und damit haben die Grünen jetzt ein Viertel aller Mandate im Stadtrat. Das ist eine sehr gute Basis für Grüne Politik in Brühl in den kommenden fünf Jahren.

Der entscheidende Faktor bei der Bürgermeister-Wahl war wohl, dass ich aktuell nicht in Brühl lebe. Ich bin nicht nur nicht da geboren, was ich ja nachträglich nicht ändern kann (lacht), aber es gab schon eine ausgesprochene Erwartungshaltung, dass man als Kandidat dort leben sollte.

  • Die Brühler Presse empfing dich nach deiner Nominierung Anfang März mit Skepsis: „Der Kandidat kennt Brühl noch nicht“ titelte der Kölner Stadt Anzeiger und führte auf: In Osnabrück geboren, in Dortmund aufgewachsen, in Bonn studiert, wohnt in Köln, arbeitet in Neuss und will jetzt Bürgermeister in Brühl werden. Hattest du da schon das Gefühl, dass es schwer wird?

Mir war zu dem Zeitpunkt natürlich endgültig klar, dass dieses Nicht-in Brühl-Leben und dort auch keine Verwandtschaft zu haben, dass dies ein emotionaler Faktor sein würde im Wahlkampf. Das hatte ich grundsätzlich auf dem Schirm, aber ich habe zu Beginn die emotionale Dominanz des Themas unterschätzt, denn ich wurde damit ja praktisch über den gesamten Wahlkampf konfrontiert – und zwar auch dann noch, als die Aussage „Er kennt die Stadt nicht“ faktisch schon lange nicht mehr zutraf. Ich habe mir die Stadt ja sehr gründlich angesehen, mit vielen Menschen gesprochen und mich gründlich in die lokalen Themen eingearbeitet, so dass ich im Wahlkampf zu jedem städtischen Thema etwas Vernünftiges sagen konnte. Trotzdem blieb dann wohl bei einigen diese Wahrnehmung: “Der wohnt hier nicht, will sich hier nur bewerben als Bürgermeister, und ansonsten hat er mit der Stadt nichts zu tun.“

  • Klimawandel, Klimakrise, Klimaanpassung: Bist du im Wahlkampf mit deinem Kernthema durchgedrungen?

Das kann ich nicht bewerten, es gibt ja keine empirische Datenbasis dazu. Es gibt nur das Wahlergebnis, und meine Interpretation ist, dass meine Thesen und Themen einen großen Teil der Menschen überhaupt nicht erreicht haben. Dieser Wahlkampf war Corona-bedingt ja sehr stark auf Online-Formate ausgerichtet. Ich habe insgesamt 28 Videos gemacht, 25 eigene und drei Kandidatencheck-Interviews – vom WDR, von Radio-Erft und vom Cultra-Jugendzentrum. Realistisch betrachtet haben diese Videos sicherlich einige Tausend Menschen erreicht, eine niedrige vierstellige Zahl, aber keinesfalls alle 46.000 Einwohner*innen Brühls oder die 36.000 Wahlberechtigten.

  • Stichwort Corona: Kaum nominiert, kam der Lockdown. Wie war das für dich als Kandidat von außen, der darauf angewiesen war, die Leute analog zu treffen?

Mir war natürlich sofort klar, dass dieser Wahlkampf durch Corona schwieriger werden würde als erwartet: Der Grüne Ortsverband konnte zum Beispiel über mehrere Monate mit seinem Wahlkampf überhaupt nicht anfangen, weil die Grüne Ratsliste zunächst nicht gewählt werden konnte. Ich selbst wurde zwar schon am 3. März nominiert, war dann aber zunächst der einzige auf weiter Flur, da alle anderen, mit denen zusammen ich Wahlkampf machen wollte, noch nicht als Kandidat*innen gewählt waren. Mir fehlte der Ortsverband als Verstärker. Außerdem konnten wir kaum analoge Veranstaltungen durchführen. Damit fehlte die Möglichkeit, persönlich mit Menschen ins Gespräch zu kommen. Wir hatten mehrere Formate vorgesehen, wie Nachbarschafts-Teerunden mit 10-15 Leuten und Multiplikatoren. All das ist ins Wasser gefallen. Es haben nur wenige Live-Veranstaltungen stattgefunden, die wir alle selbst organisiert haben.

Was ich besonders tragisch und demokratietheoretisch grenzwertig finde, ist, dass es nur eine einzige öffentliche Podiumsdiskussion mit den Bürgermeister-Kandidaten gab. Und die konnte aus technischen Gründen auch nicht richtig gestreamt werden. Am Ende haben nur sehr wenige Menschen die Diskussion verfolgen können. Über den gesamten Wahlkampf fehlte die direkte Auseinandersetzung der Kandidaten, das war extrem schwierig.

  • Hätte es im Nachhinein betrachtet in diesem Corona-Wahlkampf eine Institution geben müssen, die darauf bestanden hätte, dass der inhaltliche Schlagabtausch zwischen den Kandidaten für die Bürger*innen, die ja eine Wahlentscheidung treffen sollten, viel deutlicher geworden wäre?

Ja, genau dieser Punkt treibt mich um, weil ich das als Kandidat ja jetzt so erleben musste: Wir in NRW haben einen unzureichenden Rahmen für Kommunalwahlkämpfe. In Baden-Württemberg muss die Gemeinde beispielsweise eine öffentliche Vorstellung aller Kandidaten organisieren, per Gesetz. Und in NRW ist es vollständig dem Zufall überlassen, ob und in welcher Form öffentliche Diskussionen stattfinden. Die Parteien alleine sind es, die den Wahlkampf organisieren und Informationen über Kandidat*innen und Programme zur Verfügung stellen. Baden-Württemberg schafft es, dass selbst in kleinen Gemeinden mit ein paar Tausend Einwohnern mehrere Hundert Leute zu so einer Kandidaten-Vorstellung in eine Turnhalle kommen. Und da informieren die Leute sich analog, live, ohne dass das durch ein parteipolitisches Filter verzerrt wird. Ich halte das für absolut wichtig, um die Identifikation der Leute mit der kommunalpolitischen Demokratie zu stärken.

Die Grünen haben in dieser Kommunalwahl in ganz NRW sehr stark zugelegt. Bist du optimistisch, dass sie jetzt „liefern“?

Ich mache seit mehr als 15 Jahren Grüne Politik. Die Grünen sind für mich die richtige Partei mit dem richtigen Programm und den richtigen Themen. Die Klimakrise und das globale Artensterben sind existenzielle Bedrohungen für den Globus und die Menschheit. Diese existenziellen Bedrohungen müssen jetzt angegangen werden. Und der Weg zur Weltrettung führt eben über Zwischenschritte. Also auch über Kommunalwahlen wie jetzt am 13. September. Ich denke, die Grünen werden jetzt liefern. Im Brühler Rat geht die Reise ja jetzt in Richtung Rot-Grün, das erleichtert sicherlich auch die Zusammenarbeit mit dem Bürgermeister und damit letztlich auch die Umsetzung Grüner Politikansätze.

Du persönlich hast dein politisches Ziel nicht erreicht. Wie blickst du auf diesen Wahlkampf zurück?

Es war ein spannender Wahl-Sommer, den ich komplett in Brühl verbracht habe. In dieser Zeit habe ich sehr viel gelernt. Und das bezieht sich jetzt nicht nur darauf, dass ich zum Beispiel gelernt habe, Videos zu produzieren. Ich habe auch die Stadt richtig gut kennengelernt. Brühl hat sehr viele schöne Ecken und ist eine wirklich lebenswerte Stadt. Außerdem habe ich viele interessante und sympathische Menschen kennengelernt, die mir viel gegeben haben: Dazu gehört vor allen Dingen mein eigenes und sehr engagiertes Wahlkampfteam, aber auch diverse Menschen, mit denen ich Interviews geführt habe oder die ich zufällig an der Haustür getroffen habe. Das Schöne für mich war, dass ich ein sehr positives Feedback bekommen habe, dass es mir gelungen ist, eine ganze Reihe von Leuten mit meiner Begeisterung für Grüne Themen anzustecken und dass auch die Grünen in Brühl ehrenamtlich so stark für mich gekämpft haben. Trotz der Niederlage möchte ich diese Zeit auf keinen Fall missen.

Wirst du noch einmal als Bürgermeister kandidieren?

Wenn ich nochmal kandidieren wollte, würde ich vorher in die Stadt ziehen. Das ist der entscheidende Faktor für Sieg oder Niederlage. Dann würden mir viele Menschen, die jetzt skeptisch waren, eher abnehmen, dass ich es wirklich ernst meine und man sich mit Haut und Haaren der Stadt verschreibt. Als Brühler hätte ich zum Beispiel auch im Fall der Niederlage als Bürgermeister-Kandidat noch in den Rat gehen können, was jetzt nicht möglich ist, und dies wäre sicherlich positiv aufgenommen worden. Vollgas geben für die Stadt, egal in welcher Rolle. Und ja, es gibt tatsächlich jetzt schon Leute, die mich fragen, ob ich nicht in fünf Jahren in Brühl wieder kandidieren will. Die Leute haben mitgekriegt, dass ich weiß, was ich sage und dass ich es ernst meine. Und dass ich Brühl inzwischen sehr gut kenne.

Köln, im Oktober 2020

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